Digitale Sichtbarkeit
Welcher Anspruch an Barrierefreiheit ist hoch genug?
Seit Mitte 2025 verpflichtet das deutsche Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) Unternehmen dazu, ihre Websites barrierefrei zu gestalten. Dieses Gesetzt gilt für Schweizer Unternehmen nur bedingt, regt aber trotzdem zur Diskussion an, welcher Grad an Barrierefreiheit auch hier erreicht werden soll. Viele Unternehmen fragen sich zurecht, was das für sie bedeutet.
Was ist digitale Barrierefreiheit?
Digitale Barrierefreiheit (auch Accessibility genannt) beschreibt den Anspruch, digitale Produkte so zu gestalten, dass sie von möglichst vielen Menschen eigenständig genutzt werden können. Dazu zählen Websites, Dokumente, Plattformen und Inhalte, die unabhängig von individuellen Voraussetzungen verständlich, bedienbar und zugänglich sind.
Im Zentrum steht nicht eine bestimmte Usergruppe, sondern die Vielfalt realer Nutzungssituationen. Menschen mit dauerhaften Einschränkungen profitieren davon genauso wie Personen, die vorübergehend oder situativ eingeschränkt sind, etwa durch Krankheit, Umweltbedingungen oder technische Rahmenbedingungen. Barrierefreiheit erweitert damit den Zugang zur digitalen Welt insgesamt und verbessert die Nutzbarkeit für alle.
Als Orientierung dienen dabei häufig die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) des World Wide Web Consortium (W3C). Sie beschreiben international anerkannte Grundsätze dafür, wie digitale Inhalte barrierefrei gestaltet werden können, und bilden die Basis für viele rechtliche und organisatorische Anforderungen.
Die WCAG liefern jedoch keine fertigen Lösungen. Sie definieren vielmehr, welche Ziele erreicht werden sollen, etwa in Bezug auf Kontraste, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und technische Robustheit. Wie diese Ziele konkret umgesetzt werden, bleibt bewusst offen und hängt stark vom gewünschten Grad an Barrierefreiheit sowie von den realen Nutzungssituationen ab.
Genau hier entsteht in der Praxis oft Unsicherheit: Die WCAG sind umfangreich, abstrakt und nicht als Checkliste für schnelle Entscheidungen gedacht. Für uns sind sie deshalb kein starres Regelwerk, sondern ein Referenzrahmen, um Barrierefreiheit einzuordnen, Prioritäten zu setzen und fundierte Entscheidungen während der Umsetzung zu treffen.
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Wieso soll unsere Website überhaupt barrierefrei sein?
Barrierefreiheit wird oft auf Vorschriften, Pflichten oder Sonderfälle reduziert. Dabei geht es im Kern um etwas Grundsätzlicheres: Zugänglichkeit schafft Nutzbarkeit, Vertrauen und Qualität. Eine Website, die verständlich, gut bedienbar und robust gestaltet ist, funktioniert nicht nur für Menschen mit Behinderungen – sie funktioniert für alle.
Barrierefreiheit zwingt Organisationen, Inhalte klar zu strukturieren, Prozesse zu vereinfachen und Entscheidungen bewusst zu treffen. Texte werden verständlicher, Navigationen logischer, Interaktionen verlässlicher. Das Ergebnis ist keine «Spezial‑Website», sondern eine bessere Website.
Gleichzeitig ist Barrierefreiheit Ausdruck von Haltung. Sie zeigt, ob ein Unternehmen bereit ist, Verantwortung für seine digitale Präsenz zu übernehmen – auch dort, wo es nicht bequem oder offensichtlich messbar ist. In einer digitalen Landschaft, die oft auf Effizienz und Geschwindigkeit optimiert ist, setzt Barrierefreiheit ein Zeichen für Sorgfalt, Langfristigkeit und Respekt gegenüber allen Nutzer:innen.
Nicht zuletzt geht es um Zukunftsfähigkeit. Gesetzliche Anforderungen, technologische Entwicklungen und gesellschaftliche Erwartungen verändern sich. Wer Barrierefreiheit heute nicht als Pflichtübung, sondern als Qualitätsmerkmal versteht, schafft eine stabile Grundlage für kommende Anforderungen.
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Wie entscheiden wir, welcher Grad an Barrierefreiheit für unsere Plattform sinnvoll ist?
Diese Entscheidung lässt sich nicht technisch erzwingen und auch nicht allgemein beantworten. Folgende Fragen helfen bei der Einordnung:
Welche Nutzer:innen erreichen wir heute und welche wollen wir künftig erreichen?
Welche Rolle spielt unsere Plattform im Alltag dieser Nutzer:innen?
Welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten für unsere Organisation aktuell und in absehbarer Zukunft?
Welche Ressourcen stehen realistisch zur Verfügung, langfristig und nicht nur projektbezogen?
Ein sinnvoller Grad an Barrierefreiheit entsteht dort, wo Verantwortung, Wirkung und Machbarkeit zusammen gedacht werden. Wer sofort auf maximale Anforderungen zielt, übernimmt sich häufig. Wer gar keinen Anspruch definiert, verschiebt die Verantwortung und zahlt später doppelt.
Entscheidend ist daher nicht Perfektion, sondern Klarheit: Was wollen wir erreichen, auf welchem Niveau, und warum? Diese Klarheit schafft eine verlässliche Grundlage für Priorisierung, Investitionen und Weiterentwicklung und verhindert Aktionismus genauso wie Stillstand.
Barrierefreiheit beginnt nicht mit Vorgaben, sondern mit dem Anspruch, niemanden auszuschliessen.
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Jérôme Rueff
Chief Client Officer
Entscheidungshilfe
Für Corporate Websites mittelgrosser Organisationen geht es bei Barrierefreiheit selten um maximale Anforderungen, sondern um einen sinnvollen, verantwortbaren Grad. Wichtig ist, dass Sie sich folgende Fragen beantworten:
Was passiert, wenn jemand unsere Website nicht nutzen kann?
Wen erreichen wir aktuell, und wen möglicherweise nicht?
Welche Verantwortung tragen wir als Unternehmen gegenüber betroffenen Personen?
Was ist kurz- und langfristig realistisch?
Mit diesen Antworten kann entschieden werden, ob eine Zertifizierung notwendig wird oder in welcher Form barrierefreiheit mitgedacht werden muss. Ein sinnvoller Entscheid entsteht dort, wo Rolle der Plattform, Verantwortung der Organisation und langfristige Umsetzbarkeit zusammen gedacht werden.
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